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Hermann Schwaiger Sun

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"ICE STORM"

2015-02-07

© Bernhard Schwaiger, Christina Dalla-Bona

Im Geiste existiert die "mögliche Linie" schon seit der Entdeckung des Blocks - also etwa zwei Jahre. Die mögliche Realisierung habe ich aber erst seit etwa einem Jahr im Kopf, als ich die einzelnen Sequenzen entschlüsseln kann. Die Gesamtlinie an sich ist "nur" eine Verbindung bzw. Aneinanderreihung der bereits bestehenden Linien "Trial of Strength (~ Fb 8A+/8B)" und "Inside Out (~ Fb 8A+)". Was die Sache (für mich) in Summe so schwierig machte, war vor allem die Länge des gesamten Problems. Bei insgesamt 15 pressigen Zügen - die einem keine Zeit zum Verschnaufen lassen - in Kombination mit technisch anspruchsvoller Fußarbeit, war ich ziemlich gefordert, die Moves sauber und in einem Stück zu verbinden. Noch nie habe ich bis dato versucht, so viele harte Moves direkt aufeinanderfolgend miteinander zu kombinieren. 

Unzählige Male war ich den ersten Teil geklettert und kam bis zum 13. Zug, also mitten in die Crux des zweiten Teils. Oft war genau an dieser Stelle "der Ofen aus" und ich war nicht mehr in der Lage, den harten Zug-Nr. 13 perfekt genug auszuführen. Zu den eigentlichen Schwierigkeiten der Züge spielten auch die Witterung und die äußeren Umstände eine nicht unwesentliche Rolle. An einigen Tagen war die Tagesverfassung "gut", die Bedingungen aber "nicht optimal". An diesen Tagen waren zwar die Einzelzüge und einzelne Passagen möglich, der gesamte Durchstieg aber (teilweise nur knapp) außer Reichweite. Die Kunst bestand darin, den einen Tag zu finden bzw. zu erwischen, an dem sowohl die köperlichen, psychischen und äußeren Faktoren perfekt zusammen spielen würden. An sich Nichts Neues, wenn man sich mit Bouldern am eigenen Limit beschäftigt ;-). In diesem besonderen (Härte-) Fall hatte ich aber die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, das Glück in jederlei Hinsicht irgendwann auf meiner Seite zu haben. Zu oft schon waren die Bedingungen schlecht und meine Form super. Zu oft schon war meine Form "nur 95%" und die Bedingungen super. In Summe aber immer irgendwie "nicht genug", um alle Züge erfolgreich verbinden zu können...

Der "psychische Supergau" passiert mir vor einem Monat, als ich bei meinem besten Versuch, Zug-Nr. 13 bereits geschafft habe und mit dem (bis dahin gedachten) "rettenden Griff" in Händen und voll ausgepowert noch abfalle ;-( ...

Danach komme ich (rückwirkend betrachtet, Gott sei Dank) aus zeitlichen Gründen einen Monat lang nicht mehr zum Boulder hin - schiebe ihn auch gedanklich etwas zur Seite, da ich ohnehin weiß, wie es gehen würde, aber vom Glück verlassen scheine ;-( ...

Gestern - kurz bevor die Dunkelheit hereinbricht - schaue ich noch kurz zum Boulder, um die Bedingungen zu checken und den evtl. verschneiten Ausstieg zu säubern. Die "optische Erstdiagnose" fällt zufriedenstellend aus - alle Griffe überraschend trocken und nur der Ausstieg etwas mit Pulverschnee bedeckt, welcher sich leicht entfernen lässt. 

"Sieht von den Bedingungen her (wieder mal) nicht schlecht aus!"

Mit (aufgrund der längeren Projekt-Absenz) "fraglicher Form" - aber vor allem "gut regeneriert" - stehe ich heute vor dem Boulder und will die super frostigen Bedingungen bei etwa minus 8 Grad Celsius nützen, um zu sehen, wie sich diese äußeren Bedingungen auf die "Gesamtperformance" auswirken. 
Der erste Go fühlt sich super an und so als ob ich in den letzten Wochen nichts anderes getan hätte, als mich mit den Moves zu beschäftigen, komme ich ungewohnt locker bis zur Crux am Schluss - hab den Griff an der Dachkante schon "safe" in der Hand - greife mit der zweiten Hand dazu - hab immer noch das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben und rutsche trotzdem unerwartet noch irgendwie aus dem Griff. "DAMN!!!"

"Wos woar do jetz los?" Auch nach längerer "Analyse" weiß ich nicht, warum ich eigentlich abgerutscht bin.  Alles hat sich perfekt angefühlt und plötzlich ohne ersichtlichen Grund ist der eigentlich perfekte Go vor dem letzten und leichtesten Zug vorbei. Jedenfalls eine weitere Episode aus der Kategorie "sehr unglücklich und extrem knapp gescheitert" ;-) ...

Obwohl ich mir bewusst bin, dass ich "wichtige Körner" in die Matte gesetzt habe, und die Erfahrung der letzten Monate gezeigt hat, dass der zweite Go immer "etwas mühsamer" ist, entscheide ich mich für einen weiteren Versuch, denn an den Bedingungen scheitert es heute sicher nicht - voerst mache ich aber mal Pause ...

Nach etwa zehn Minuten bin ich zwar noch nicht voll regeneriert, ich muss mich aber wieder bewegen, bevor ich für die teilweise wilden Verrenkungen (aufgrund der brutalen Kälte in Verbindung mit einer aufkommenden "steifen Brise") zu "ausgekühlt" bin. Ich starte meinen zweiten und für heute sicherlich letzten Versuch - mal schauen wie weit ich überhaupt noch kommen kann. Immer noch hadere ich mit dem "vermasselten" ersten Versuch - ich rechne mir keine Durchstiegs-Chancen mehr aus - will nur noch einmal alle Moves und Sequezen durchmachen ...

Im ersten Teil muss ich zwar wie erwartet "mehr geben" als beim ersten Versuch, dennoch gehen die Züge verhältnismäßig leicht von der Hand. Als ich am Ende des zweiten Teils - der Crux - ankomme, komme ich überraschenderweise wieder in den Genuss - wie schon beim ersten Go - keinen übertriebenen und limitierenden Pump zu spüren. Ich bin wieder in der Lage, die Züge so präzise wie nötig auszuführen - versuche besonders bewusst alles zu kontrollieren und dabei wieder alles zu geben, um nicht noch einmal "unerklärlich" abzufallen. Ich rechne eigentlich jeden Augenblick damit, wieder plötzlich abzurutschen ...
Diesmal geht aber unglaublicherweise alles gut und als ich den Schlussgriff in Händen halte, bin ich überrascht wie sehr ich die Moves bis zum Schluss "kontrollieren" konnte. Bei diesem Go wären vom Gefühl her sogar noch einige harte Züge mehr möglich gewesen ;-) ...

Die Linie von "ICE STORM" zählt sicherlich zu den schwersten Linien, die ich in letzter Zeit probiert habe und zählt in gewisser Weise zu meinen persönlichen Boulder-Highlights, auch weil ich mich im Zuge des längeren Prozesses (bis zum erfolgreichen Durchstieg) sowohl physisch als auch psychisch "weiterentwickeln" musste bzw. durfte ;-) ...

Die Bewertung von Bouldern, die in Verbindung mit solchen Erlebnissen realisiert werden können, ist immer besonders schwierig. Würde man den Durchstieg als Maßstab für den Bewertungsvorschlag nehmen, so wäre der Boulder wahrscheinlich unterbewertet. Betrachtet man den Gesamtprozess und kombiniert diesen mit dem Durchstiegserlebnis, so könnte es in diesem Fall möglich sein, dass das Ganze "irgendwo bei Fb 8B+/8C" liegt ;-) ...

Genauso schnell und unerwartet wie die perfekten Bedingungen kamen - wodurch ich heute den erfolgreichen Durchstieg realsieren konnte, sind sie auch schon wieder weg. Zwei Stunden später fegt ein Eissturm über das Gebiet, der die ganze Landschaft und auch den Boulder mit einer feinen Eisschicht überzieht.

In Summe am Ende doch noch Glück gehabt ;-) ...

Check out some video-impressions ;-)!

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